Santorin für Individualisten

Infos zur Situation auf Santorin - Sendung vom Mai 2007
Aufsatz von Redakteurin C. Ludwig von Hessen3 Und WDR3

Ein schöner Sommer - Leben und Überleben auf Santorin von Claudia Ludwig

Die Urlaubersaison auf der berühmten Ägais-Insel dauert von April bis Oktober. Außerhalb dieser Zeit gibt es keine Direktflüge mehr von Deutschland nach Santorin. An noch keinem anderen Urlaubsort habe ich so drastisch erlebt, wie in dieser Zeit sämtliche Einrichtungen geschlossen werden und sich jedermann auf eine lange Winterpause einstellt. Auf Santorin ist dies deswegen so extrem, weil viele (Souvenir)Läden, Restaurants und Hotels von Griechen betrieben werden, die vom Festland kommen, also selbst Gäste auf der von Frühling bis Herbst extrem stark frequentierten Insel sind. Denn während der Saison kann man hier sehr gute Geschäfte machen.

Aber mit dem Ende der Saison verlassen die meisten dieser Festlandgriechen Santorin, zum Teil sogar noch vor den allerletzten Touristen. Als wir am Ende der vergangenen Herbstferien, also Mitte Oktober, auf unseren Abflug warteten, erkannten wir fast das gesamte Personal unseres Hotel in den Warteschlangen um uns herum, wo die Inlandflüge abgewickelt wurden. Unser Hotel wurde am Tage unserer Abreise für fünf Monate geschlossen. Was wird nun aus Flecki, dem schwarzweißen Kater, der allmorgendlich pünktlich zum Frühstück erschien? Was wird aus all den anderen Strandhunden und herrenlosen Katzen, die ohne die Extrahappen der Touristen kaum überleben?

Nun, dass die Touristen zum Saisonende verschwinden, das gibt es rund ums Mittelmeer überall. Dass aber auch viele Einheimische den Winter woanders verbringen, ist selten. Badeorte verwandeln sich in Geisterstädte. Elke von Pilgrim und Helma Krone sind die erste und die zweite Vorsitzende des Tierschutzvereines Santorini e.V. mit Sitz in Mainz. Gemeinsam mit der Schweizerin Barbara Zähnler-Angelopoulos, die mit ihrem griechischen Ehemann ein Restaurant in der Haupstadt Fira betreibt, und der einzigen Tierärztin auf der Insel, Dr. Margarita Valvis-Roussos, versuchen sie, das Tierelend zu lindern und zu bekämpfen. Nur die wenigsten herrenlosen Tiere überleben den Winter. Wer nicht verhungert oder erfriert, stirbt mitunter durch Beißereien, denn die ansonsten so extrem friedlichen und verträglichen Hunde
sind in ihrer Not kaum wieder zu erkennen und gehen aggressiv vor Hunger aufeinander los. Um jeden Krümel Essen wird nun bis aufs Blut gekämpft. Viele Hunde beginnen Jagd auf Katzen zu machen - und das zu meinem Erstaunen und Entsetzen ziemlich erfolgreich. Ganz aussichtslos ist die Lage für Tiere, die sich alleine durchschlagen müssen und zu keinem Rudel gehören.

Die meisten dieser Tiere erleben einen schönen Sommer - und das war's dann auch schon. Fast alle Streuner, seien es Hunde oder Katzen, sind sehr jung. Ältere oder gar alte Tiere trifft man so gut wie gar nicht, und falls doch, dann sieht man sie mit einem Besitzer. Und selbst die starken und cleveren Überlebenskünstler können sich nicht vor dem Gift schützen, das immer wieder ausgelegt wird, da viele Griechen nach wie vor glauben, auf diese Weise ließe sich der Hunde- und Katzenflut am besten Herr werden. Weil Elke von Pilgrim und Helma Krone immer wieder erleben müssen, dass kaum eines der Tiere, die sie vom vergangenen Sommer her kannten, noch da ist, wenn sie im nächsten Jahr wiederkommen, haben sie begonnen, regelmäßig Hunde nach Deutschland auszufliegen. Das kann natürlich nicht die Lösung des Problem sein. Allerdings löst es auf wenigstens einfachste Weise das Problem des jeweiligen Hundes. Der ist dann nämlich schlichtweg gerettet und kann sich in Deutschland auf ein schönes Leben in menschlicher Obhut freuen.

Parallel zu dieser kleinen "Luftbrücke" muss natürlich der Tierschutz auf der Insel aufgebaut werden. Und es müssen so viele Hunde und Katzen wie möglich kastriert werden, denn nur so kann man das Elend langfristig in den Griff bekommen! Zur Ergänzung der beiden deutschen Vereinsvorsitzenden auf griechischer Seite gibt es auf der Insel noch eine Präsidentin des Tierschutzvereines Santorini, und das ist, was vieles erleichtert, die bereits erwähnte Tierärztin Dr. Margarita Valvis-Roussos. Eine Veterinärin als Präsidentin, das ist ein großes Glück für die kleine Organisation, denn Margarita arbeitet für den Tierschutz entweder ganz umsonst oder bestenfalls zum Selbstkostenpreis. Nun könnte man denken, auf so einer extrem kleinen Insel wie Santorin müsste die Zahl herrenloser Haustiere doch wirklich spürbar abnehmen, wenn permanent kastriert und ausgeflogen wird. Doch da gibt es leider noch ein Problem: Viele der bereits erwähnten "Teilzeit-Santoriner" bringen Hunde für den Sommer mit auf die Insel und lassen sie dann aber einfach zurück, wenn sie den Winter dann doch wieder in Athen oder Thessaloniki verbringen. Und was sollen sie dann mit einem Hund in der Großstadt? - Das ist eine weit verbreitete Ansicht in den Mittelmeerländern. Daher müßte eigentlich jeder Hund gechipt sein (also seinen Personalausweis unterm Fell tragen und damit stets samt seinem Halter identifizierbar sein), und jeder Halter, der ein Tier auf die Insel mitbringt, müßte verpflichtet sein, es auch wieder mitzunehmen. Und das muß wiederum kontrolliert werden, so wie dies früher in Griechenland mit gebrauchten Autos und High-Tech-Geräten der Fall war, die in Westeuropa um so vieles billiger waren, das man damit gute Geschäfte machen konnte.

Der Tierschutzverein verfügt über kein richtiges Tierheim. Aber die Santoriner Inselverwaltung hat ihm gleich neben der Mülldeponie am Rande des Vulkankraters (Caldera) ein Grundstück zur Verfügung gestellt und darauf vier Zwingerhäuschen mit entsprechenden Ausläufen errichtet. Immerhin besser als gar nichts. Aber mehr als Tiere "aufbewahren" kann man in dieser Anlage nicht. Und bereits mit dreißig vierbeinigen Insassen ist sie absolut voll. Wer bis zum Saisonende immer noch nicht ausfliegen konnte, der hat eben Pech und muss auf der Insel überwintern. Dazu werden vor allem diejenigen der Hunde, die kaum das Zeug dazu haben, sich auf der Straße erfolgreich durchzusetzen, zu ihrer Sicherheit vorübergehend in der Zwingeranlage untergebracht, dort unten am Kraterrand, der sogenannten Caldera (unfassbar schöner Ausblick übrigens).

Wenn Elke von Pilgrim und Helma Krone die Insel verlassen, steht Barbara Zähnler mitunter ziemlich alleine da. Täglich versorgt sie dann - gemeinsam mit einem unzuverlässigen und nicht sehr kompetenten Hilfsarbeiter, der ab und zu einmal vorbeischaut - manchmal mehr als dreißig Schützlinge. Bei Wind und Wetter und jeden Tag (!) macht sie sich unermüdlich auf den mühsamen Weg nach unten. Im vergangenen Winter gab es wieder einmal Erdrutsche und Schlammlawinen auf Santorin, die dazu führten, dass man an manchen Tagen gar nicht mit einem Auto zu den Tieren hinunterkam. Was tun? Nun, dann trug Barbara Zähnler die Futtersäcke auf dem Rücken den steilen Abhang hinunter, um ihre Hunde nicht im Stich zu lassen. In diesem sehr harten Winter sind viele Hunde im der Anlage gestorben. Die etwas Schwächeren oder Kranken sowie die Welpen hatten wenig Chancen. Gleichzeitig waren Zwinger und Ausläufe derart überfüllt, dass es zu schlimmsten Beißereien kam. Und Barbara hielt jedesmal den Atem an, wenn sie das Tor aufschloss. Denn sie hatte immer Angst, was sie wohl jetzt wieder erwartet: ein totgebissener Hund, oder zwei, oder ein vor Schwäche und Kälte sterbendes Tier?

Das Problem ist natürlich auch, dass, je mehr Tiere in Vereinsobhut zu versorgen sind, umso weniger Zeit bleibt für die eigentliche Tierschutzarbeit, für die Arbeit, die die Ursachen des Tierelend beheben soll, und nicht nur die Folgen, für Kastrationsaktionen, Aufklärung bei der Bevölkerung, Werbung von neuen Mitgliedern und das Bemühen um Pflegestellen, vor allem für Welpen. Jetzt gibt es die Chance, einen wirklichen Tierschutzverein auf die Pfoten zu stellen. Deshalb bedeutet die Tatsache, dass die Zwingeranlage durch den ETN erst einmal "leergeräumt" wurde, noch einen weiteren langfristig ganz entscheidenden Vorteil: Barbara kann sich nun viel mehr politisch für den Tierschutz engagieren und Mißständen auf die Spur kommen.

Im vergangenen Winter gab es ein relativ heftiges Erdbeben auf Santorin, durch das einige gefährliche Risse an den Mauern der Zwingeranlage entstanden sind und zumindest teilweise Einsturzgefahr bestand. Barbara hatte Angst um die Hunde. Die Anlage war so voll wie nie zuvor, und der nächste Saisonbeginn lag noch in weiter Ferne. SOS aus Santorin. Es war ein echter Hilferuf, der von der Insel kam, und der über die Redaktion 'Herrchen gesucht ' an die Organisation Europäischer Tier und Naturschutz, kurz ETN, weitergeleitet wurde. Und dort wurde nicht lange gefackelt. Horst Scherer ist innerhalb des neu gewählten Vortandes für Auslandstransporte zuständig und bat das - aus Herrchen gesucht bekannte - Ehepaar Renate und Hans- Dieter Plaumann aus Hofgeismar, im Auftrage des ETN die Fahrt zu übernehmen.

Innerhalb kürzester Zeit waren alle betroffenen und gefährdeten kleinen und großen Hunden in Deutschland. Eine regelrechte Evakuierung hat stattgefunden, die ich mit meiner Kamera begleiten durfte, und die im vorliegenden Notfall ja auch unbestritten berechtigt war. Aber das sollte ein Einzelfall (mit vielen Happy Ends) bleiben, und keine Dauerlösung werden. Darum kastrieren und kastrieren die Tierschützer so viele Tiere wie möglich. Aber gerade an die scheuen Tiere heranzukommen, das sehr schwierig, ja, nahezu aussichtslos.

Erlauben Sie mir abschließend noch ein paar Anmerkungen zum ETN. Das ist in der Tat die "Nachfolgeorganisation" des einst so umstrittenen und ja auch nachweislich unseriösen Europäischen Tierschutzwerkes (ETHW). Im Vortand des ETN sind schon seit einiger Zeit ganz neue Leute, engagierte Tierschützer, die damals, als die kriminellen Methoden ihrer Vorgänger an den Pranger gestellt und öffentlich gemacht wurden, entweder noch gar nicht dazugehörten oder (noch) völlig ohne Einfluß waren. Seit die juristischen Feinheiten der Namensänderung usw. nun endlich abgeschlossen sind und der neue Vorstand über die Gelder des alten ETHWs Verfügt, hat der Verein in vielen Ländern schnell und erfolgreich geholfen und etliche gute Projekte unterstützt und finanziert. So kann seriöser
Tierschutz aussehen!

Kontaktadressen:
Tierschutzverein Santorini e.V. Elke
von Pilgrim, 1. Vorsitzende Küferweg 50 * 55128 Mainz * Tel.: 0 61 31 - 36
88 31 (oder 33 68 63)
Spendenkonto: VR-Bank Mainz * BLZ 550 604 17 *
Konto Nr. 102 114 844
Internet: www.santorini.purespace.de

Europäischer Tier- und Naturschutz e.V. - ETN Gluckstraße 2 *
53115 Bonn * Tel.: 02 28 - 5 38 94 90 *
Fax: 02 28 - 23 89 03
Spendenkonto: Dresdner Bank Bonn * BLZ * 370 800 40 *
Konto Nr. 0 214 243 000
Internet: www.etn-bonn.de * e-mail:
info@etn-bonn.de

Verein zum Schutz mißhandelter und herrenloser Tiere e.V.
- VST Renate und Hans-Dieter Plaumann Hauptstraße 2 *
34369 Hofgeismar *
Tel.: 0 56 75 - 74 94 0 * Fax: 74 94 24
Spendenkonto: Sparda-Bank Kassel *
BLZ 520 905 00 * Konto-Nr. 608 885
e-mail: vstev@lycos.de


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